Soll ich – soll ich nicht? Kann ich es wagen hinüberzusteigen – kann ich nicht? Diese seltsame Gestalt zögert (noch). Sie traut sich offensichtlich (noch) nicht, ihren nächsten großen Schritt zu tun. Nicht nur, was ihr im Weg steht, vielmehr das, was sie gerade sieht, scheint sie so sehr zu bannen, dass es sie hindert, sich überhaupt nur zu bewegen. Paul Klee zeichnete dieses Wesen 1939, als für ihn politisch und auch gesundheitlich existenziell bedrohlich dunkle Wolken aufzogen und sein Vertrauen ins diesseitige Leben brachen.
Manchmal, besonders beim Nachrichtenhören, kann ich dieses Lebensgefühl nachempfinden, das mir aus diesem zusammengekauerten Wesen entgegenkommt: nämlich, wenn sich in mir Angst breitmacht, die meinem Vertrauen ins Leben und in eine gute Zukunft im Weg steht. Ich habe Angst vor Gewalt und Hass, vor Menschenverachtung. Angst um mich selbst, Angst um andere, die Kinder, die Erde, unsere Demokratie. Eigentlich um uns alle. Irgendwie scheint so vieles derzeit instabil und unsicher. Im Klima wurden offensichtlich mehrere Kipppunkte, „points of no return“, schon überschritten. In der großen Politik scheinen Wahrheit, Recht und Anstand oft keinen Wert mehr zu haben; immer wieder neue fake news und Gewalt-Eskalationen. Die große „Vertrauenskrise“ hat wohl auch mich ergriffen -längst nicht mehr nur gegenüber den Kirchen, sondern auch gegenüber anderen Systemen. Besorgt halte ich Ausschau nach Vernunft und Menschlichkeit im großen Miteinander: Werden wir „es schaffen“? Wie weitergehen?
Angst – da bin ich entschieden – soll nicht mein Leben bestimmen. Auch wenn ich ihr ein „Wohnrecht“ einräumen will in mir, möchte ich ihr etwas entgegensetzen. Um handlungsfähig zu bleiben, um meinen Lebensmut und meine Lebensfreude nicht zu verlieren, möchte ich mir und anderen Gutes zutrauen – was auch immer kommt. Ich möchte als Subjekt würdevoll umgehen können mit dem, was auf uns zukommt und weiß, ich bin Teil davon. Dabei hilft mir, immer wieder Abstand zu gewinnen zur Angst, nach dem Motto: „Ich habe Angst, aber ich bin mehr als meine Angst.“ Das habe ich in unsrer Gemeinschaft gelernt zu sagen. Wir dürfen nie damit aufhören, uns das auch gegenseitig zuzusprechen und zuzutrauen.
Vertrauen kann ich nur in dem Maße gewinnen, wie ich es auch schenke; Vertrauen, „dieses schwerste ABC“, wie Hilde Domin es nennt. Vertrauen verleiht Flügel, solange wir seine Sprache fließend beherrschen und uns überlassen können. Aber in Krisen kann Vertrauen zerbröseln und wir müssen neu erlernen, es in diese neue Situation hineinzubuchstabieren. Ganz gleich, ob es mein Selbstvertrauen betrifft oder das Vertrauen in andere; ob in die Welt oder in Gott.
Solange wir leben, werden wir vor immer neue Herausforderungen gestellt und an immer neue Grenzen. Bis zum letzten Atemzug haben wir Gelegenheit, dieses wundervolle und zugleich schwierige, kraftvolle Alphabet zu buchstabieren.
Paul Klee nennt seine Zeichnung „Letzter Erdenschritt“. Diesem seltsamen vogelartigen Engels-Menschen geht es um sein letztes Hineingehen in eine ungewisse Zukunft.
Wie bei einem Vogel, der fliegen lernt, erweist sich auch bei uns immer erst mit dem Verlassen oder auch Hinausgeworfen-Werden aus dem vertrauten Nest, ob unsere Flügel tragen und ob wir ihrem Zusammenspiel mit den Winden trauen können- angesichts unserer Angst.
Vielleicht ist es ja so, dass auch die heilige Geistkraft darauf angewiesen ist, dass wir unseren Absprung wagen, damit sie wehen und uns mit ihrem Geistwind tragen kann.

Lisa Lepping
Bild aus: bald flügge. Gedichte zu den Engelbildern Paul Klees. Fromm Verlag 2026. Lisa Lepping (Hg.) zusammen mit Norbert Lepping, Renate Put und Hans-Jakob Weinz
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Das Zwinglihaus hat sich 2017 neu ausgerichtet. Die Kirchgemeinde versteht sich als gastgebende Kirche und das Haus wurde in den letzten sieben Jahren zum Bildungshaus mit Schwerpunkt Theologie, Gesellschaftsfragen und interreligiösem Dialog. Im Quartier sind einige Moscheen und die 