Margrit Kunz-Bürgler ist Mitglied im Freundeskreis und in der Via Integralis. Seit 2020 ist sie ausserdem Vorstandsmitglied im Katholischen Frauenbund. In der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Frauenstimme“ schreibt sie über das ALTER.

Gedankensplitter zum Älterwerden

Wenn jeweils eine neue Ausgabe der Zeitschrift „Frauenstimme“ erscheint, schaue ich schon neugierig auf das Thema der nächsten Ausgabe. ALTER war der Hinweis in der letzten Ausgabe. Ich spürte eine gespannte Erwartung aufkommen: nimmt mich ja wunder, was zu diesem Thema zu lesen ist!Von der Anfrage der Zeitschrift „Frauenstimme“, ob ich denn nicht berichten möge, wie ich das Alter erlebe, fühlte ich mich dann zunächst völlig überrumpelt. Ich hatte mir Impulse, kluge Reflexionen, inspirierende Gedanken von der nächsten Nummer erwartet – aber selber dazu eine Aussage machen?

Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, den Spiess umzudrehen: es könnte eine Einladung zur Selbstreflexion sein!

Ich habe nun ja Zeit zum Reflektieren. Zeithaben ist eines der grossen Geschenke,
welches das Alter für mich beinhaltet.

Die Kehrseite davon kenne ich auch: die Aufgaben sind nicht durch ein berufliches Engagement gegeben, sondern ich bin herausgefordert, mir selber Ziele zu stecken. Diesen Freiraum erlebe ich als Privileg – manchmal jedoch auch als schwierig. Und ein weiteres Privileg nenne ich gleich dazu: ich erlaube mir mehr Narrenfreiheit. Ich nehme zu gewissen Themen Stellung, wie ich das früher, im beruflichen Kontext und in Abhängigkeit, nicht gewagt hätte. Immer wieder schreibe ich einer Firma oder einer Institution meine Meinung – das kann kritisch oder lobend sein. Es dünkt mich sogar, dass ich die Pflicht habe, meine Freiheit auf diese Weise wahrzunehmen und mich für etwas einzusetzen.

In jungen Jahren hatte ich die naive Vorstellung, im Alter würde alles einfach und man sei über gewisse Dinge erhaben. Da habe ich mich gewaltig getäuscht! Bekannte Themen beschäftigen mich noch immer. Noch immer versuche ich, mich aus einengenden inneren Strukturen zu lösen, geduldiger mit mir und andern zu sein, mehr im Jetzt zu leben, Unvorhergesehenes anzunehmen… Die wichtigen Fragen nach Sinn, nach meiner Aufgabe auf diesem Planeten, stehen nach wie vor im Zentrum.

Ich bin dankbar, dass ich ein weites Beziehungsnetz habe. Der Austausch war mir immer wichtig. Das über die Jahre geknüpfte Netz ist wie ein tragender Boden, der mir viel bedeutet.

Es gibt Momente, in denen ich mich ein wenig müde fühle und Gedanken aufkommen, die ich nicht gern eingestehe: Mit welchen modernen – vor allem technischen – Entwicklungen muss ich mich noch auseinandersetzen? Dann spüre ich auch eine Angst, nicht mehr mitzukommen, nicht mehr ‹up to date› zu sein.

Es gibt ab und zu ein leises Abschiedsgefühl. Ich ertappe mich, wie ich denke, dass es viele Orte gibt, an die ich nicht mehr reisen werde. Fremde Kulturen und Länder haben mich seit meiner Jugend fasziniert, und ich hatte eine unbändige Lust, fremde Welten kennenzulernen. Ich hatte das Glück, auf anderen Kontinenten eine Weile zu leben. Das war eine wertvolle Bereicherung, von der ich heute noch zehre.

Mit dem Älterwerden nehmen die Erinnerungen zu. Ich geniesse es, vor allem mit andern zusammen, das Erfahrene vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Dabei staune ich, wie sich das Leben entwickelt hat, wie gross die Veränderungen sind – erst aus der Rückschau wirklich zu erkennen.

Nicht nur der Wunsch zu reisen ist geringer geworden, auch jener nach Materiellem. Im Gegenteil: Ich habe begonnen, mich von Dingen zu trennen, Ballast abzuwerfen.

Wenn ich mich mit Altersgenossinnen treffe, kommt das Thema Gesundheit unweigerlich aufs Tapet! Die körperliche Befindlichkeit ist natürlich ein Thema. Es gibt Veränderungen, Beeinträchtigungen. Es gilt einzugestehen, dass Kräfte nachlassen und ich manchmal jemanden um Hilfe bitten muss. Gott sei Dank bin ich grundsätzlich ‹zwäg›. Der Körper braucht aber mehr Aufmerksamkeit. Ich kann morgens nicht einfach aus dem Bett hüpfen und in einer Viertelstunde das Haus verlassen. Der Rhythmus ist gemächlicher geworden.

Was ich gar nicht mag: über das Alter lamentieren oder mein Geburtsjahr verheimlichen. Das Alter ist nicht etwas Negatives, sondern das Kontinuum meiner Existenz. Meine Generation erlebte eine sehr reiche, sehr bewegte, dynamische Zeit. Dass ich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts meinen Platz und im letzten Viertel die meiste Zeit meines Berufslebens bekam, ist ein Geschenk. Wenn ich manchmal aus zurückliegenden Zeiten erzähle, staune ich selber, was alles in diesen Jahrzehnten sein durfte. Ich erlebe das als grossen Reichtum und kostbaren Erfahrungsschatz.

Wir werden älter ohne unser Zutun, können uns dagegen auch nicht wehren. Aber ich finde, wir können uns an ganz, ganz vielem dieser Lebensspanne freuen.

Ich wünsche allen, die jünger sind, in freudiger Erwartung älter zu werden und diesen weiten Gestaltungsraum auszuschöpfen, wenn er dann da ist.

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