Posttraumatisches Wachstum – ein Balanceakt

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Unsere Zeit macht immer drängender bewusst, dass das menschliche Leben eine neue Ausbalancierung braucht. Individuelle und kollektive Herausforderungen zur Wandlung sind dabei eng miteinander verwoben. Als langjährige Prozessbegleiterin möchte ich dazu einige Gedanken aus dem reichen Schatz des Traumawissens weitergeben.

Zunächst in aller Kürze eine Wesensbeschreibung von Trauma. Traumatisierend sind Erfahrungen, in denen sich ein Mensch vollständig überfordert, überwältigt und ausgeliefert fühlt. Das kann mit plötzlich eintretenden Ereignissen einhergehen, einem Unfall, einem Überfall, einer Operation, einem hereinbrechenden Naturereignis oder mit anhaltenden schweren Milieuerfahrungen in der frühen Lebenszeit.

Kennzeichnend für alle diese Erfahrungen ist, dass sie im Organismus und in der Seele zu einer Abspaltung führen.  Wenn in einem akuten schweren Ereignis keine Verarbeitung möglich ist, tritt ein hochintelligenter Schutzmechanismus der Trennung und der Fragmentierung ein, den die Evolution im Laufe der Jahrtausende geschaffen hat. So wird das Weiterlebenkönnen gesichert. Der Mensch funktioniert – zumindest zunächst.

Nicht nur schwere individuelle Erlebnisse können traumatisierend wirken, sondern auch ungelöste Schmerzerfahrungen unserer Vorfahren, die im Feld der Familie energetisch lagern. Als Volk und als Menschheit sind wir eingebunden in kollektive Traumawirkungen, die vielen durch Klimakrise, Corona und die anhaltenden Kriegssituationen in der Welt schmerzlich bewusst werden. Ob nun individuell oder kollektiv: Traumata und damit verbundene unbewusste Kompensationsmechanismen melden sich zur rechten Zeit über mannigfaltige Symptome zurück. Sie wirken wie ein Weckruf an unser Bewusstsein: hol mich, hol uns ins Leben!

„Posttraumatisches Wachstum“ bezeichnet den Wandlungsprozess, der meist durch eine Krise ausgelöst wird. Ein Weg beginnt, der steil und steinig, aber auch erfüllend an Lebenserfahrung werden kann. Er kann uns wachsen und reifen lassen, uns auf den Grund und Boden des Menschseins führen und in unsere tiefe spirituelle Einbettung.

Die Begegnung mit dem eigenen Schatten erfordert einen sorgfältigen und behutsamen Balanceakt, der gute Bedingungen braucht. Es geht darum, all das fühlen und halten zu lernen, was uns oder den Generationen vor uns in der gegebenen Situation nicht möglich war, um die Erfahrung/en von einst zu verdauen und zu integrieren. Dazu braucht es einen Raum mit viel Sicherheit und Klarheit, was meist nur unter kundiger Begleitung möglich ist.

In diesem Raum ist Platz für alles, was ausgedrückt und gezeigt werden möchte, ohne dass es bewertet wird. Stattdessen findet eine sinnstiftende Einordnung statt: wie hängen meine Symptome mit der vergangenen Erfahrung zusammen? Was ist mir geschehen, was trage ich in mir, welche Strategien habe ich unbewusst entwickelt, um in Funktion bleiben zu können? All das will entdeckt, mitfühlend angeschaut, empfunden, beklagt und betrauert werden.

So tritt ins Bewusstsein, wie sich das unverdaute Erleben verkörpert und der innere geistig-emotionale Raum sich verbildet hat. All das will verbunden und ins Leben zurückgeholt werden. Da kann sich ohnmächtige Wut in vitale Abgrenzung verwandeln, da lernt der Körper-Geist sich wieder aufzurichten und den eigenen Innenraum voll zu bewohnen. Schritt für Schritt erschließen sich Formen und Wege, die helfen, in eine klare und liebevolle Selbstfürsorge hineinzuwachsen und den eigenen Platz im Leben neu zu finden.

Trauma braucht die Beatmung mit dem Sauerstoff der Liebe und der Gnade. Dies ist der  Raum, in dem schwere Erfahrungen beheimatet werden können und ihre Schreckenswirkung verlieren. Wer die mal lauter, mal leiser anklopfenden Signale aufspürt und ernst nimmt, folgt der tief in uns angelegten Sehnsucht nach dem Ganzsein. Dies kommt am Unvollkommenen, Unheilen und Bösen in uns selbst und der Welt nicht vorbei. In diesem Sinn möchte ich abschließend Helen Keller zitieren: „Nur durch die Berührung mit dem Bösen habe ich gelernt, dessen Gegenteil zu spüren: die Schönheit der Wahrheit und Liebe und Güte.“

3 Kommentare
  1. renate koddenbrock
    renate koddenbrock sagte:

    Liebe Annagret,
    Danke für diesen sehr einfühlsamen und Raum gebenden Artikel. Mich hat er sehr angesprochen. Ich finde, Du machst Mut, sich den eigenen Traumata zu stellen und darauf zu vertrauen, dass wir daran wachsen können.
    Ganz herzliche Grüße von
    Renate K.

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  2. Sabine Streicher-Bauer
    Sabine Streicher-Bauer sagte:

    Liebe Annagret,
    ich habe deinen Text mit viel Interesse gelesen und wünsche vielen Menschen, unter deiner Begleitung, ein posttraumatisches Wachstum zu erleben.
    Ganz liebe Grüße,
    Sabine Streicher-Bauer

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