Vergesst nicht, gastfreundlich zu sein

„Vergesst nicht, gastfreundlich zu sein. Auf diese Weise haben manche, ohne es zu wissen, Engel beherbergt“ so steht es im Hebräerbrief in Erinnerung an die Erzählung von Abraham und Sarah, die drei Gottesboten bewirtet hatten.

Das klang für mich mit, als Bundeskanzlerin Merkel 2015 sagte: „Wir schaffen das“ und damit meinte, wir Deutschen hätten genügend Gastfreundlichkeit, um Flüchtlinge aufzunehmen – auch wenn es auf einmal sehr viele waren. Wir haben einiges geschafft, vor allem haben die Geflüchteten es geschafft: Arbeit zu finden, neben uns zu wohnen, sich an unsere Gepflogenheiten anzupassen. „Müllheim ist bunter geworden“, sagte unsere Bürgermeisterin angesichts der vielen dunkelhäutigen Menschen aus Afrika in unserem Städtchen. Umso trauriger, dass sich europaweit so heftige Widerstände gegen diese Gastfreundschaft aufgebaut haben.

Und 2020 und 2021 konfrontierte uns dann die Pandemie mit ihren massiven Einschränkungen. Plötzlich wurde es unmöglich, sich gegenseitig unbeschwert zu treffen, zu besuchen, miteinander zu feiern. Was hat das ausgelöst? Gefühle von Ausgeliefertsein oder der Eindruck, in Ängsten allein gelassen zu sein? Misstrauen gegenüber „denen da oben“, seien es PolitikerInnen oder medizinische Fachleute? Oder Widerstand und Verweigerung gegenüber verordneten Hygiene- und Abstandsregeln?

Auf jeden Fall sind wir alle herausgefordert worden, unsere als selbstverständlich angenommenen Gewohnheiten im Umgang miteinander zu hinterfragen und zu überprüfen. Viele von uns haben herausgefunden, dass weniger auch mehr bedeuten kann. Treffen per Internet – oft zunächst eher befremdlich – entpuppten sich als eine wertvolle neue Möglichkeit. Zugleich spürten wir alle, dass sie kein vollwertiger Ersatz sind. Das Bedürfnis nach realer Begegnung wurde sogar gestärkt und wir konnten die damit verbundene Qualität bewusster wahrnehmen.

Der Ausnahmezustand die Pandemie hat uns gezeigt, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, wie schlimm es sich anfühlt, beim Essen im Zimmer „eingesperrt“ zu sein, statt mit anderen am Tisch zu sitzen, ja womöglich tagelang mit niemanden unmittelbare reden zu können.

Gemeinsames Essen und Trinken ist ein nicht weg zu denkendes Merkmal aller Feste und Feiern, ob im kleinen oder großen Kreis. Daran erinnert das Abendmahl. „Ich habe mich so danach gesehnt, mit Euch das Passahmahl zu essen“ sagte Jesus, bevor er sich auf den schweren Weg in sein Sterben begab. Mich hat diese Offenlegung seines Nähebedürfnisses immer sehr berührt. Vielleicht sollten wir das christliche Ritual unserer Mahlfeier nochmal neu mit der Frage verbinden, was Jesus uns über Nähe und Verbundenheit – Kommunion eben – sagen wollte.

Gastfreundschaft bedeutet in jedem Fall viel mehr als miteinander essen und trinken. Sie ermöglicht Begegnung, Austausch, das sich Öffnen für andere und das ganz Andere. Neue Perspektiven entstehen. Was uns fremd war, kann uns vertraut werden und vielleicht auch etwas davon ahnen lassen, was uns in der Tiefe über alle Verschiedenheit hinweg verbindet. Auf diese Weise werden uns andere zu Engeln, ganz im Sinne von Phil Bosmanns: „Ein Engel ist jemand, den Gott Dir ins Leben schickt, unerwartet und unverdient, damit er Dir, wenn es ganz dunkel ist, ein paar Sterne anzündet.“
Doch wir müssen dafür offen, innerlich frei, „gastfrei“ sein, wie es uns das eingangs zitierte Bibelwort in einer anderen Übersetzung nahelegt.

Katharina Burgdörfer

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