Vom Friedensgebet zur Friedenskirche

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Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges beteilige ich mich
regelmässig an der Gestaltung der Friedensgebete in der
Offenen Kirche Elisabethen in Basel.


Angesichts des Beginns des Ukraine-Krieges schlossen sich
damals spontan Vertreterinnen und Vertreter der
verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften in Basel-Stadt und
Basel-Land zusammen, um ein ökumenisches Zeichen für den
Frieden zu setzen. Die grosse Elisabethenkirche war beim ersten
Friedensgebet am 1. März 2022 voll und das Schweizer
Fernsehen berichteten darüber: «Der Krieg füllt die leeren
Kirchenbänke»
Aber ist so ein Friedensgebet nicht eine lächerliche Geste
angesichts der Ohnmacht, die die meisten spüren, wenn sie die
Kriegsbilder in Presse und TV verfolgen? Es ist zunächst
vielleicht erst einmal eine Resilienz-Vorsorge: Ein Innehalten,
um den inneren Halt zu finden oder wiederzufinden.
In der Gebetsgemeinschaft entsteht ein bergender Raum, in
dem wir uns unserer Trostlosigkeit stellen können: Hier können
wir zeigen, was in uns lebt: Not und Klage, Sinnlosigkeit und
Verzweiflung, Ohnmacht und Angst, Wut und Enttäuschung.
Erst wo solche Gefühle Platz haben, ist der Einbruch einer
anderen Realität möglich. Denn dann besetzen uns diese
Gefühle nicht mehr und wir müssen nicht mehr vor ihnen
fliehen. In dem wir ihnen Ausdruck verleihen können wir
echten Trost finden, denn Trost bedeutet: Da-Sein bei einer
Person, die leidet. Wir erweisen uns gegenseitige Solidarität und
teilen die Trauer und den Schmerz – auch mit denjenigen in
akuter Lebensgefahr, für die Jungen und Alten, die
zwangsrekrutiert werden und für die, die begeistert in den Krieg
ziehen.
Wenn uns die Ohnmachtsgefühle nicht mehr besetzen, wenn
wir Solidarität untereinander spüren, können wir wieder ins
Handeln kommen. Wie mächtig Friedensgebete sein können,
zeigen die Friedensgebete in Ostdeutschland in der jüngsten
deutschen Geschichte. Solche kraftvollen gemeinsamen Gebete halten die Möglichkeit einer anderen Welt offen. Und
dort, wo wieder Hoffnung herrscht, kann etwas konstruktiv
getan werden.
So geschah es auch in der «Friedenskirche» in Basel:
In den ersten sechs Monate des Ukraine-Krieges fand das Gebet
wöchentlich statt. Im Anschluss an das Gebet gab es jeweils die
Möglichkeit sich zu treffen: Ukrainische Geflüchtete
untereinander sowie Gastfamilien und psychosoziale Fachleute.
Dort, wo zunächst Hilflosigkeit und Chaos herrschte,
entstanden mit der Zeit gut kooridinierte Hilfsangebote der
Kirchen und der Ukrainischen Community. Projekte wurden
lanciert und die Ukrainer*innen erlebten Solidarität und
Unterstützung, die sie so dringend brauchten. Sie weiteten sich
dann auch auf Geflüchtete aus anderen Kriegsgebieten aus.
Die Friedensgebete in der Offenen Kirche gehen weiter, solange
der Ukraine-Konflikt anhält– mittlerweile aber nur noch
monatlich (An jedem 1. Dienstag im Monat um 18.30 Uhr).
Doch wir beten längst nicht mehr «nur noch» für den Frieden in
der Ukraine. All die anderen Kriegs- und Krisengebiete dieser
Welt sollen auch nicht vergessen gehen.

So bildet jetzt das Gebet für Frieden in Israel und Palästina natürlich ebenfalls einen Schwerpunkt.
Aber: Nicht nur die Offene Kirche Elisabethen in Basel ist
«Friedenskirche». Wir alle sind Kirche – und ich wünsche uns
mehr und mehr Räume der Solidarität, damit wir aus
Friedensbeter*innen zu Friedenstäter*innen werden können.
Sylvia Laumen