Ich selbst bin gefragt
Ich blicke staunend auf mein Leben. Persönlich lebe ich in einem Beziehungsnetz, in dem ich mich getragen und verbunden fühle. Es geht mir gut. Im Vergleich zu vielen anderen weiss ich mich privilegiert. Kollektiv gesehen leben wir in einer Welt der Ungewissheit. Es ist diese Gleichzeitigkeit, die mich erschüttert.
Wer hätte noch vor einem Jahrzehnt gedacht, dass wir einmal in solch verunsicherten Zeiten leben würden: Nicht wenige Länder werden von Autokraten regiert, die nur eigene nationale Interessen im Blick haben. Die gehäuften politischen Rechtsbewegungen zeugen von grosser Angst der Menschen vor der Zukunft. Die globale ökologische Krise und verheerende kriegerische Auseinandersetzungen, nicht nur in Afrika und im Nahen Osten, sondern nun auch in Europa und der westlichen Welt reichen in ihren Wirkungen immer spürbarer in unsere Gesellschaften hinein.
Wir leben in einer verwundeten Welt! Die Frage ist: schotten wir uns ab vor dieser Wirklichkeit oder haben wir den Mut, uns von diesen Wunden berühren zu lassen? Radikaler gefragt: Lassen wir uns von den Entwicklungen unserer Zeit dazu herausfordern, völlig Neues zu lernen und noch ungeahnte Wachstumsschritte in uns geschehen zu lassen?
In Krisenzeiten können wir uns entweder verengen oder uns entscheiden zu wachsen. Wie schaffen wir es, angesichts von Not und Leid nicht gleichgültig zu werden oder zu erstarren, sondern in eine grundlegend lebensdienliche Ausrichtung hineinzufinden und nicht zu verlieren, dass wir Teil des Ganzen sind? «Wenn ich auf die Geschehnisse der Welt sehe, habe ich immer das Gefühl, ich tue nicht genug», sagt mir eine Freundin, mit der ich über die Weltsituation im Gespräch bin.
So sehr ich diese Ohnmacht kenne, spüre ich, dass es aktuell nicht in erster Linie um vieles Tun geht, sondern um die Art und Weise, in der Welt zu sein. Alles, was ich denke und tue, kann ein Beitrag zum Frieden sein und dem Leben dienen. Dieses Energiefeld will ich stärken. Dafür habe ich Verantwortung zu tragen. Niemand von uns kennt die fertige Antwort für die Lösung unserer kollektiven Probleme. Wir können nur tastend und vertrauend voranschreiten.
Wir sind nicht allein
Für mich ist die Erkenntnis grundlegend, dass Gott präsent ist. Wir sind nicht allein, im göttlichen Geheimnis sind wir verbunden mit allem, was existiert. Das schliesst auch die geistige Welt mit ein und lässt uns hörend vertrauen, dass das Leben weitergeht, und dass wir in all unseren Bemühungen unterstützt sind und in allem ein Sinn aufleuchten will. Diese Gewissheit schenkt innere Freiheit, uns für das zu öffnen, was auf uns zukommt.
Viele unserer persönlichen, aber auch unsere kulturellen und globalen Konflikte zeigen, wie oft traumatische Verhärtungen jeder kreativen Lösung im Wege stehen. Es gibt aber auch eine Dynamik der Auflösung dieser Verhärtungen. Ein Schlüssel zu dieser Dynamik heißt: Dialog und Beziehung. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft entfaltet hierbei ein besonderes Potenzial: füreinander Sorge hegen, Verantwortung teilen, Konflikte austragen, Nöte zulassen, Entscheidungen zum Wohle des Ganzen treffen, miteinander beten, feiern und immer wieder Neues lernen.
Genau das erlebe ich in unserem Miteinander im Katharina-Werk. Ähnlich wie viele andere gemeinschaftliche Netzwerke stärkt uns die Überzeugung, dass wir im Üben eines achtsamen Umgangs mit uns, mit den anderen und mit unserer Erde einen wichtigen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten. Das Aushalten von Durststrecken, aber auch die Erfahrung von Heilung und Versöhnung wird möglich, wenn wir miteinander entdecken, wie wir bis ins hohe Alter Lernende bleiben und wie uns in Resonanz mit den Anderen, mit Gott und mit der Welt unerwartete Kräfte aus dem geheimnisvollen Netzwerk des Lebens zuwachsen.

Hildegard Schmittfull, ktw,
Jahrgang 1945,
Kontemplationslehrerin der Via Integralis


